
Die 23 als Primzahl steht für Eigenständigkeit, Unteilbarkeit und Individualität, für Bewegung, Veränderung, Übergang und Aufbruch. Es gibt das 23-Enigma – die Vorstellung, dass die 23 an überraschenden Stellen des Lebens immer wieder auftaucht. So geschah es mir auf dem Klínovec (Keilberg), dem höchsten Gipfel des Erzgebirges. Eine Radweg – Nummerierung begleitete mich zurück in mein ZERRISSEN ‘es Leben um meine jugendlichen 23.
Ich startete im vogtländischen Schöneck und gelangte übergangslos in Mühlleithen ins Erzgebirge. Carlsfeld und Johanngeorgenstadt folgten. Orte auf einer Landkarte, die für Geschichten aus ZERRISSEN stehen, Wege, auf denen ich als Jugendlicher auf Langläufern über die Kammloipe zog, von der Freien Deutschen Jugend organisierte Spuren im Schnee. Am Auersberg wanderte ich vor fünf Jahrzehnten familiär mit Oma und Cousins – unser letzter gemeinsamer Oma-Enkel-Ausflug. Und dann öffnet sich 2026 auf einmal meine Lunge, meine Gedanken fliegen hinter den Horizont, während meine Beine zeitgleich heimatliche Wurzeln spüren: Boží Dar (Gottesgab), das auf einem Plateau höchstgelegene Städtchen Tschechiens und Mitteleuropas. Mein Sehnsuchtsort hinter der deutschen Grenze, die nah genug liegt, um sie sehen zu können, und mächtig genug ist, mein Leben einzusperren – damals körperlich und heute geistig. Meine Entscheidung, das Erzgebirge auf dem böhmischen Kammweg „Krušnohorská magistrála 23“ und nicht auf dem sächsischen zu durchqueren, fällt spontan aufgrund der bedeutungsvollen Nummer und dem unbändigen Gefühl von Freiheit auf der Südseite des Gebirgszuges. Ein Entschluss für endlose Wälder und blühende Wiesen – eine Natur, die auf Wegschildern als sibirisch bezeichnet wird. Ich wähle das Leben. In den Dörfern, Teichen und Seen toben ausgelassen Kinder. Menschen meines Alters sitzen vor ihren Datschen, die Türen stehen offen, Stimmen ziehen durch die warme Sommerluft. Gut besuchte Gasthäuser und Kioske reihen sich wie Perlen entlang der Route 23. Gläser und Flaschen klirren, es wird gegessen, geredet und gelacht. Der Sommer riecht nach Wald, warmer Erde und Freiheit. Täglich neu die Länge der Etappen festlegend, fahre ich von meinem Stützpunkt im Vogtland mit dem Auto durch Sachsen, mühe mich die zahlreichen baustellenbedingt gesperrten Straßen zu umfahren und meinen nächsten Startpunkt auf der 23 zu erreichen. Ich durchquere menschenleere Dörfer. Beängstigende Stille weit und breit. Kaum Möglichkeiten für eine Einkehr. Chemnitz (Karl-Marx-Stadt), lasse ich weit links liegen – geographisch wie gedanklich. Mein nächster Blog wird sich diesem ZERRISSEN‘en Flecken im Besonderen widmen. Joachim Gaucks Wort vom „Dunkeldeutschland“ kommt mir in den Sinn. Nicht als Urteil über Menschen, eher als Empfindung auf einer Zeitreise, auf der ich innerhalb weniger Kilometer unvereinbare Stimmungen erlebe. Zufällig streife ich Schlettau. Ich erinnere mich an 1984, an meine letzte Kartoffelernte, an unbeschwerte Zeiten als Student in einem Land mit dem Namen DDR. Haben wir gefeiert und gearbeitet, gelernt und gesoffen. Die Erde lag uns mit und ohne Kartoffeln zu Füßen. Heute führt die 23 die Regie. Der letzte Ort meiner 260 km langen Radtour ist Děčín an der Elbe, damals eine Grenzstadt der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, Schauplatz so mancher Aufregung meines Lebens. Der ungewohnte Herzschlag von Kontrollen von Ausweispapieren und Gepäck, Befragungen und Erniedrigungen ist geblieben. Ich weiß als Reisender, was Grenzen in einem Menschen auslösen können, was sie bedeuten, wenn sie nicht einfach Linien auf einer Landkarte sind. Keine Staatsmacht hält mich heute auf. Gleichwohl spüre ich beim Blick auf die überdimensionalen Grenzstationen, dass schneller als man denkt, all die nicht abgebauten Schlagbäume wieder aktiviert werden können. Hinter mir liegt das Erzgebirge und vor mir vielleicht bald die Quelle der Elbe im Riesengebirge. Der Ort, an dem ich als Jugendlicher, wie so wunderbar detailliert in ZERRISSEN beschrieben, in das Wasser spuckte und wusste, dass sie Hamburg und die Nordsee erreichen wird, während mich Zäune und Mauern begrenzten. Die 23 verbindet Heimat und Fremde, DDR-Erinnerung und bundesdeutsche Gegenwart, Grenze und Freiheit, ZERRISSENheit zwischen zwei Buchdeckeln und zwei Rädern im heutigen Unterwegssein. HEIM(T)AT 23 – eine Bühne meines Lebens.






























































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